Kapitel 9

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Kapitel 9

Beitrag  Eternety am Sa Jun 20, 2009 1:13 am

Kapitel 9

Wir fuhren zurück in die Stadt.
Während der ersten Stunde der Heimfahrt sprachen Rham und ich kein Wort, doch als wir umsteigen mussten, hielt Rham es wohl nicht mehr aus.
„Warum hast du das gesagt? Er ist doch dein Vater…“, fragte er mich und ich meinte, einen traurigen Unterton in seiner Stimme hören zu können.
Ich senkte den Kopf und schüttelte ihn leicht.
„Rham, das ist nicht so einfach. Er wollte mich doch nie und… ich weiß nicht… Kann es sein, dass ein Vampir manche Dinge nicht mehr fühlt?“, wollte ich wissen und schaute ihn an.
Es war kaum zu glauben, doch ich hatte erwartet, dass ich wütend wäre oder traurig oder beides, doch ich fühlte… gar nichts.
Weder Schmerz noch Freude oder Sehnsucht nach meinem alten Zuhause.
Nur ganz leise Abscheu, mehr nicht.
„Ja, das ist so. Aber Vishous sollte dir das besser erklären, Kleines.“
Ich nickte.
Den größten Teil der restlichen Fahrt schwiegen wir uns wieder an.
Rham war ganz in der Beschützerrolle und schaute sich ständig um.
Irgendwann hielt ich das nicht mehr aus und schaute ihn tadelnd an.
„Warum machst du das?“
„Warum mache ich was?“, kam es von ihm zurück.
„Dieses ständige Umschauen. Uns passiert schon nichts.“, antwortete ich, doch er schüttelte den Kopf.
„Sei dir da mal nicht zu sicher, Helia. Außerdem reißt Vishous mir den Kopf ab, wenn irgendetwas mit dir ist, Kleines. Bei dir ist er eigen…“, sagte er und ich schaute ihn erstaunt an.
„Was soll das denn heißen?“, wollte ich wissen, doch er schüttelte nur den Kopf.
„Schon gut, du wirst es selber irgendwann merken.“

Nach zwei Stunden Fahrt kamen wir endlich am Bahnhof an.
Rham schaute sich wieder um, doch ich fand immer noch, dass das Überflüssig war.
Schnell durchquerten wir eine Unterführung, als mir wieder ein Schatten auffiel.
Dieses Mal war ich mir sicher, dass ich mir nichts eingebildet hatte und stupste Rham an.
„Schau mal da rüber. Bilde ich mir das ein oder ist da was?“, fragte ich leise.
„Ich schaue mal. Bleib hier. Ich bin innerhalb von Sekunden bei dir, wenn etwas ist.“, antwortete er und ging einige Schritte auf den Schatten zu, der sofort floh.
Deshalb kam Rham zu mir zurück.
„Da war tatsächlich etwas. Ich schätze, wir sollten es Vishous sagen. Da stimmt etwas nicht.“, meinte er, bevor wir den Weg fortsetzen.

Als wir endlich zurück waren, rannte Lethi sofort auf mich zu und umarmte mich.
„Da bist du ja wieder. Ich hab dich vermisst.“, sagte sie und ich musste Lächeln.
„Ich war doch nicht mal…“ Ich schaute auf meine Uhr, die ich mitgenommen hatte „sieben Stunden weg.“, kicherte ich und drückte meine Kleine an mich.
„Lange sieben Stunden… und wie war es?“, fragte sie mich sofort, doch ich versuchte, sie etwas zu beruhigen und nahm erstmal Rham die Tasche ab.
„Was ist da drin?“, fragte Lehti natürlich sofort und ich lächelte.
„Komm mit, dann zeige ich es dir.“, sagte ich und so verabschiedete ich mich von Rham und ging mit Lehti in mein Zimmer.
Dort inspizierte sie sofort meine CDs, während ich die kleine Anlage aufbaute, die immer in meinem Zimmer gestanden hatte.
Sie war alt, doch sie funktionierte noch perfekt.
Ich nahm meine Lieblings-CD und sofort erschallte Already Dead meiner Lieblingsband durch den Raum.
„Das klingt toll.“, meinte Lehti „Erzähl jetzt, wie es war. Hast du deinen Vater gesehen?“
Ich lächelte und setze mich auf mein Bett.
Sofort saß sie neben mir und kuschelte sich in eines meiner Kissen, während ich mich an die Wand lehnte.
Ich erzählte ihr, was ich gesehen hatte und mit jedem Wort wurde ihr Gesicht länger.
„Gut, dass du jetzt bei uns bist, Helia!“, sagte sie, als ich ihr alles erzählt hatte und unterstrich ihre Aussage noch mit einem heftigen Nicken.
„Das bin ich auch, Lehti. Ich will noch zu Vishous und ihm etwas sagen. Wenn du willst, kannst du weiter Musik hören.“, meinte ich und stand auf.
Lehti grinste mich an, als ich das sagte.
„Was?“, wollte ich wissen, doch sie grinste weiter.
„Nichts, Helia. Gar nichts.“, antwortete sie und stand ebenfalls auf, um meine CDs zu durchwühlen.
„Dein gar nichts klingt aber überhaupt nicht nach gar nichts. Raus mit der Sprache, Kleine, oder ich kitzel dich durch.“, drohte ich Lehti, doch sie war nicht zu erweichen.
„Schaffst du ja eh nicht. Du wirst es selber rausfinden.“, meinte sie und ich hätte durchdrehen können.
Sie tat genauso geheimnisvoll wie Rham und das mochte ich gar nicht.
Kopfschüttelnd verließ ich das Zimmer und ging zum Arbeitszimmer unseres Meisters, in dem Vishous schon mit Rham sprach, wie ich durch die Tür hören konnte.
„Sie will nochmal kommen, um mit dir darüber zu sprechen, aber diese seltsamen Verfolger… Ich vermute, dass die Jäger sie schicken. Wir müssen sehr auf der Hut sein, Vishous.
Die Dämonen sind schon länger verschwunden, aber sie sind immer noch hier. Vielleicht ist ihr neues Ziel unser Clan.“
„Ich befürchte es, Rham.“, hörte ich die Stimme von Vishous besorgt sagen. „Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Frauen auch richtig Kämpfen können.
Lehti macht mir Sorgen. Wenn einer der Jäger sie erwischt… Das will ich mir gar nicht ausmahlen! Oder Helia…“
„Helia ist ein starkes Mädchen, keine Sorge Vishous. Sie wird auch auf Lehti aufpassen.“, meinte nun Rham und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, während ich weiter lauschte.
„Ich weiß, Rham und doch…“
„Vishous, du hast einen Narren an ihr gefressen. Und sag jetzt nicht, dass das nicht stimmt. Wir sind alle nicht blind, aber du kennst die Regeln, Meister.
Ich kümmer mich darum, dass ihr nichts passiert.“, sagte Rham.
Irgendwie versetzten mir die Worte einen Stich in die Brust, doch ich versuchte, dieses Gefühl zu ignorieren.
Das Vishous Lehti liebte wie eine Tochter, wussten wir alle, doch diese Worte bedeuteten so viel mehr als das…
Ich hörte, wie ein Stuhl nach hinten geschoben wurde.
Deshalb klopfte ich, bevor jemand die Tür öffnen konnte und entdeckte, dass ich gelauscht hatte.
Sofort wurde mir die Tür aufgemacht und Rham stand vor mir.
„Helia.“, sagte er nur und ging dann mit einem Lächeln an mir vorbei.
„Rham.“, antwortete ich verwirrt und schaute ihm kurz hinterher, bevor ich meinen Blick auf Vishous richtete, der hinter seinem Schreibtisch saß und mich ernst anschaute.
„Hi Vishous. Hast du kurz Zeit?“, fragte ich leise und betrat den Raum.
Er lächelte und stand auf.
„Immer, kleine Blume. Was gibt es denn? Rham sagte schon, dass du eine Frage hättest, die ich dir beantworten soll.“
Ich nickte und folgte seiner Aufforderung mich an den Kamin zu setzen.
„Rham hat mir schon gesagt, was du ihn gefragt hast. Ja, kleine Blume. Wenn du dich verwandelst, geht ein Stück deiner Menschlichkeit verloren und damit auch ein Teil deiner Gefühle, wie Mitleid, Trauer und Liebe.“, antwortete er, ohne das ich meine Frage stellen musste, doch als er mir das erzählte, stellte sich mir eine andere Frage.
„Aber… wenn das so ist, warum… warum habe ich dann Mitleid mit meinen Opfern? Oder spüre Liebe zu den Vampiren um mich herum?“, wollte ich wissen und er lächelte.
„Weil wir nicht gefühlskalt sind. Wir spüren diese Gefühle nur anders und weniger als die meisten Menschen.
Ein Vampir der sagt, er spüre kein Mitleid, lügt entweder oder hat dieses Gefühl völlig verdrängt.
Bei vielen Vampiren gibt es keine Liebe, sondern nur Verlangen. Richtige Vampirliebe ist sehr selten…“, sagte er und ich konnte richtig hören, dass er nachdenklich war.
„Wirklich?“
„Ja, kleine Blume. Ich kenne nur ein einziges Vampirpärchen, dass sich wirklich liebt.
Alle Anderen leben in Zweckgemeinschaften, die sich gegenseitig schützen, wie du und ich in diesem Clan.“
Wieder durchfuhr mich ein Stich, als er das sagte, doch ich ließ mir nichts anmerken.
Nach einer kurzen Pause sprach er weiter.
„Warum hast du dir diese Frage gestellt? War es wegen deinem Vater?“, fragte er und ich nickte.
„Er ist Alkoholiker, schätze ich und ich habe ihm entgegengeschleudert, dass ich nicht wiederkommen werde.
Dabei habe ich nichts gefühlt, außer vielleicht etwas Abscheu.“
Vishous nickte und legte mir seine Hand kurz auf die Schulter, bevor er aufstand.
„Das ist nicht schlimm, kleine Blume. Es zeigt nur, dass du eine der Unsrigen bist. Geh ins Bett. Das war ein langer Tag für dich.“, sagte er und reichte mir wieder die Hand.
Ich nahm sie und ließ mich von ihm aufziehen, doch dieses Mal wusste er, wie stark er ziehen durfte.
So blieb es bei der Berührung unserer Hände, was ich schade fand.
„Schlaf schön, kleine Blume…“, sagte er und verließ dann wieder den Raum.
Wie so oft stand ich alleine in seinem Arbeitszimmer und schaute auf die Tür, die sich hinter ihm schloss.
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