Kapitel 12

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Kapitel 12

Beitrag  Eternety am Sa Jun 20, 2009 1:32 am

Kapitel 12

Als ich am nächsten Tag aufwachte, spürte ich eine unglaubliche Leere in mir und vor allem neben mir.
Ohne die Augen zu öffnen, tastete ich blind das Bett neben mir ab, doch egal, wie sehr ich suchte, er war verschwunden.
Mühsam öffnete ich die Augen und schaute mich um.
Vishous war gegangen, wahrscheinlich schon bei Sonnenuntergang.
Ich setzte mich auf und spürte ein Stechen in meiner Brust, als würde sich mein Herz wieder zusammenziehen.
Die Leere in mir schien immer schlimmer zu werden und so zog ich mich so schnell ich konnte an, wickelte mich in meinem Mantel ein und ging, ohne jemandem bescheid zu geben, nach draußen in die Kälte.
Gehen ist eigentlich das falsche Wort.
Ich rannte hinaus, weg von ihm.
Ich hoffte, den Schmerz in der Kälte der Nacht betäuben und die Leere vielleicht mit einem Snack füllen zu können, doch die kalte Luft half gar nicht.
Immer noch fühlte ich mich leer und alleine und so streifte ich die ganze Nacht umher, ohne auch nur eine Sekunde den Gedanken von ihm nehmen zu können.
Die Sonne ging schon fast auf, als mir Engol entgegen geflogen kam.
Krächzend ließ er sich neben mir in den Schnee sinken und pickte sachte gegen meinen Arm, damit ich meine Hand zu ihm ausstreckte und er sich darauf nieder lassen konnte, um aus dem kalten Schnee heraus zu kommen.
Ich tat, was der Vogel wollte und spürte sofort seine warmen Federn auf meiner Haut und die spitzen Krallen, die sich in mein Fleisch bohrten.
Sonst fand ich das sehr unangenehm, doch an diesem Tag war es das gar nicht.
Ich nahm den Schmerz durch die spitzen Krallen überhaupt nicht wahr.
„Hast du mich gesucht, Engol?“, fragte ich das Tier und er schien zu nicken, bevor er seine Flügel spannte und leicht flatterte.
Er wollte wieder fliegen, ich schätzte, um Corondal zu sagen, wo er mich finden konnte.
„Nein, Engol. Du musst ihn nicht holen. Zeig mir, wo er ist und ich gehe ihm entgegen.“, sagte ich und schon hob er sich in die Lüfte.
Das schöne, schwarze Tier flog vorweg und ich ging ihm hinterher, bis wir nach wenigen Minuten Corondal erreichten, der schon auf seinen Raben wartete.
„Engol!“, sagte er laut und das Tier ließ sich auf dem Arm nieder, den Corondal ihm anbot.
„Helia, da bist du ja! Wir haben dich schon überall gesucht!“, rief mir Rham entgegen und ich konnte die Wut und Besorgnis in seiner Stimme hören.
„Entschuldigt. Es war nur so eine schöne Nacht.“, versuchte ich mich zu Rechtfertigen, doch Corondal winkte ab.
„Egal. Wir haben dich. Gehen wir zurück.“, sagte er knapp und Rham und ich nickten nur.
„Wieso bist du einfach gegangen? Vishous hat uns alle verrückt gemacht, weil du weg warst!“, sagte er Vorwurfsvoll und lief weiter neben mir, während ich nur verwundert den Kopf schüttelte.
Verstand einer diesen Mann…
„Und Lehti erst! Sie wollte am liebsten sofort anfangen, dich zu suchen, aber Flora hat sie zurückgehalten. Sogar Rose war besorgt.“, meinte er weiter und langsam bekam ich ein richtig schlechtes Gewissen.
Wenn Roselia sich Sorgen machte, war es wirklich ernst.
„Aber warum seid ihr alle so besorgt? Ich war doch schon öfter alleine unterwegs!“, sagte ich und schaute Rham an, der mich ungläubig anstarrte.
„Wie? Vishous wollte es dir doch gestern sagen! Die Jäger sind hinter uns her. Corondal konnte einen von ihnen stellen und ich habe ihn befragt. Es herrscht Krieg und wir sind Freiwild, wenn einer von ihnen auf uns trifft. Du warst in Lebensgefahr!“, erklärte er mir und mir stand der Mund offen.
Deshalb wollte er gestern mit mir sprechen, doch so weit waren wir gar nicht gekommen.
„Jetzt weiß ich es…“, antwortete ich und schwieg den Rest des Weges.
Ich war nur in meine Gedanken versunken uns merkte gar nicht, wie schnell wir wieder an dem Club waren.
„Geh sofort zu Vishous und Lehti!“, sagte Rham, während er nach unten in den Club verschwand, wo wieder einmal eine Prügelei stattfand, die er schlichten musste.
Ich sah Corondal an, der nickte und gemeinsam liefen wir durch die Seitengasse zum Hintereingang, der direkt zu unserem Versteck führte.
Als wir dort angekommen waren und ich gerade die Tür öffnen wollte, hörte ich, wie Corondal aufschrie.
Engol war völlig außer sich und flatterte wild über seinem Herrn.
Verwirrt schaute ich mich um, als ich einen großen Schatten sah, der etwas großes in der Hand hielt.
Schnell hatte ich es als Bogen identifiziert und ein Blick auf Corondal zeigte mir, dass er einen Pfeil im Arm stecken hatte.
Im Gegensatz zu Anderen, stachelte ihn dieser Schmerz aber nur an, statt ihn zu schwächen.
Engol war inzwischen auf die schwarze Gestalt zugeflogen, die einen weiteren Pfeil auf den Bogen spannte, um den Raben zu erlegen, doch bevor er dazu eine Gelegenheit hatte, stieß Engol auf ihn nieder und tat das, was Corondal ihm beigebracht hatte: Er pickte dem Angreifer in eines seiner Augen.
Der Mann schrie und so hatte ich Gelegenheit, die Tür aufzureißen und Corondal, der sich gerade auf den Mann stürzen wollte, am Arm zupacken und in das schützende Gebäude zu ziehen.
„Engol!“, rief ich laut und der Rabe flog ebenfalls mit uns in den Raum, wo er sich auf einen Stuhl niederließ und begann, sein Gefieder zu reinigen.
Ich verschloss die Tür hinter uns und sicherte sie so gut ich konnte, bevor ich zu Corondal ging, dem immer noch der Pfeil aus dem Arm ragte.
„Warum hast du mich aufgehalten? Ich hätte ihn getötet, diesen Menschen!“, fauchte er mich an, doch ich schüttelte den Kopf.
„Oder er dich! Corondal, wer weiß, wie viele da noch waren! Wir waren nicht bewaffnet, er schon. Das hätte richtig übel ausgehen können!“, sagte ich und betrachtete die Wunde.
„Ja und das, weil du weglaufen musstest! Vishous sollte dich einsperren.“, keifte er und packte den Pfeil.
Ohne auf die Widerhacken zu achten, zog er ihn einfach aus seinem Arm und warf ihn dann auf den Boden.
Ein großes Loch klaffte nun in seiner Haut, das schrecklich blutete.
„Mach dich wenigstens jetzt mal nützlich und hol mir ein Tuch, Helia!“, fuhr er mich an und ohne groß nachzudenken, rannte ich in das Badezimmer und holte Handtücher, mit denen ich ihm half, die Wunde abzudecken.
Die Handtücher waren allerdings schnell blutdurchtränkt und ich wusste, dass Corondal bald trinken musste, wenn er überleben wollte.
Ich fühlte mich so Hilflos und deshalb tat ich das Einzige, was mir in diesem Augenblick einfiel.
Ich schrie so laut ich konnte „VISHOUS!!!!“
Mehrmals wiederholte ich das und hörte dann, wie hastig eine Tür aufgestoßen wurde und Vishous, der sonst Meister der Beherrschung war, nach unten gestürmt kam.
„Helia! Da bist du ja!“, sagte er laut und kam auf uns zu.
„schnell, Corondal braucht Hilfe. Ein Pfeil hat ihn getroffen!“, sagte ich und deutete auf den Pfeil, der auf dem Boden lag.
Durch mein Schreien war auch Lehti nach unten gekommen und rannte sofort auf mich zu.
Sie schloss ihre Arme um mich und drückte ihr Gesicht in meine Brust, wo sie sofort begann zu weinen.
„Wo warst du nur! Ich hatte Angst, dass dir was passiert!“, schluchzte sie, bevor sie anfing zu schnuppern und sich von mir löste.
„Hier riecht es grauenhaft nach Knoblauch! Und nach Silber. Den Geruch würde ich überall erkennen!“, meinte sie, während sie sich eine Träne aus dem Gesicht strich und sich dann wieder an mich drückte.
Ich legte einen Arm um meine Kleine und schaute Abwechselnd von einem zum Anderen.
Vishous sah Lehti an.
„Silber riecht nicht.“, meinte er, doch er hatte den Wink trotzdem verstanden.
Schnell hob er den Pfeil auf und betrachtete ihn genauer.
„Der ist aus Silber und nach Knoblauch stinkt er auch.“, stellte er fest.
„Doch. Silber riecht, nur nicht jeder kann das Wahrnehmen.“, meinte Lehti. „Ich schon… Ich bin vielleicht nicht schnell wie Helia oder schön wie Roselia, aber auch ich habe eine Fähigkeit.“
Ich drückte sie noch einmal kurz, bevor ich wieder zu Corondal ging, dessen Wunde immer noch so stark blutete, dass das inzwischen dritte Handtuch blutdurchtränkt war.
Ich half ihm, es zu wechseln und sah dann Hilflos zu Vishous, der meinen Blick erwiderte.
„Helia, wasch die Wunde aus so gut es geht und verbinde sie dann.
Lehti, hilf ihr.
Ich besorge solange Blut für ihn.
Ich hoffe, ich kann ihm Club noch jemanden einfangen.
Niemand verlässt das Gebäude, ist das klar?“, sagte er streng und wir alle nickten nur.
„Wir bringen dich ins Bad, Corondal, damit wir die Wunde reinigen können.“, sagte ich und wollte ihm aufhelfen, als er sofort wieder auf den Stuhl zurücksackte.
„Keine Chance, Helia. Er hat viel zu viel Blut verloren. Ich hohle etwas zum reinigen.“, sagte Lehti und ich nickte nur.
„Es tut mir so leid, Corondal…“, sagte ich leise und sah ihm in die Augen.
Er war schwach geworden und ich wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, wenn wir nicht bald für Blut sorgten.
Lehti kam schon mit der Schüssel zurück, doch es würde nichts nutzen, die Wunde auszuwaschen, wenn er uns bis dahin verblutete.
„Lehti, schau, wo Vishous bleibt.“, sagte ich deshalb und sofort flitze sie los.
„Er schafft es nicht mehr, Helia.“, sagte Corondal, doch ich schüttelte den Kopf.
Ich war schuld an dem Ganzen, jetzt war es meine Aufgabe, alles wieder gerade zu biegen.
Er brauchte Blut, also sollte er welches bekommen.
Ich biss mir also ins Handgelenk und sofort quoll etwas Blut aus der kleinen Wunde.
Ich wusste, dass es nicht so gut war wie richtiges Menschenblut, doch es würde ihm helfen, bis Vishous mit einem Menschen kam.
Bevor er protestieren konnte, hatte ich ihm die Wunde auf die Lippen gedrückt und ihn gezwungen, etwas davon zu trinken.
Ich fühlte, wie meine Kraft langsam schwand, denn nun fehlte mir das lebenswichtige Blut, doch ich wusste auch, dass es ihm Kraft geben würde, die nächsten Minuten zu überstehen.
Die Wunde hatte immer noch nicht aufgehört zu bluten und so wusste ich, dass jeder Tropfen Blut nur ein Tropfen auf den heißen Stein war.
Als ich merkte, dass er sich etwas erholt hatte, nahm ich meine Kraft zusammen und begann, die Wunde so gut ich konnte auszuwaschen.
Ich spürte sofort, warum sie nicht aufhörte zu bluten.
Der Knoblauch fraß sich auch in meine Hände und verätzte sie, als hätte ich mir eine Säure darüber geschüttet.
Allerdings bemerkte ich auch, dass die Wunde weniger blutete, je besser ich sie auswusch.
Bald waren auch Vishous und Lehti zurück, die jeder einen Menschen für Corondal mit sich schleppten.
„Hier, die haben wir in der Schnelle mitbringen können.“, sagte Lehti.
Die beiden Männer waren bewusstlos und so war es ein Leichtes, sie Corondal zu geben.
Wie schon bei mir, biss ich einem von ihnen ins Handgelenk und legte es dem verletzen Vampir an die Lippen.
Sofort begann er, gierig zu saugen und schon bald war der erste Mensch leer.
„Das reicht vorerst.“, sagte Vishous und legte den Zweiten auf den Boden.
„Lehti, pass auf ihn auf. Helia, wir müssen die Wunde versorgen.“, sagte er und schaute sich an, was der Pfeil angerichtet hatte.
„Da ist immer noch Knoblauch drin. Hol frisches Wasser, kleine Blume, ich werde solange versuchen, die Blutung zu stoppen.“
Ich nickte und rannte ins Bad, wo ich schnell neues Wasser in die Schüssel füllte und den Verbandskasten plünderte.
Beladen mit Wasser und den Taschen voller Mullbinden, lief ich zurück.
Vishous hatte inzwischen die Blutung zum Stillstand gebracht, wie genau, das wusste ich nicht.
Sofort begann ich wieder, die Wunde zu waschen und langsam rochen wir, dass der Knoblauch verschwand.
Auch Corondal schien es besser zu gehen und bald konnten wir seine Wunde verbinden und ihm helfen, sich hinzulegen.
Vorher musste er aber noch den zweiten Menschen trinken, denn der Blutverlust war doch groß gewesen.
„Vishous? Leg Helia an die Leine.“, rief er uns hinterher, als wir sein Zimmer verließen, damit er schlafen konnte.
Die Sonne stand schon lange am Himmel und ich fühlte mich hundeelend.
Mir war schwindelig, denn schließlich hatte ich ihn von meinem Blut trinken lassen.
Das bemerkten auch Vishous und Lehti.
„Helia, du siehst gar nicht gut aus.“, meinte sie und schaute mich besorgt an.
Auch Roselia, Rham und Flora waren inzwischen gekommen und stellten sich zu uns.
„Wie geht es ihm?“, wollte Flora wissen und schaute zu Vishous, der nickte.
„Er wird es schon überstehen. Wir müssen uns nur auf einiges gefasst machen. Geht jetzt alle schlafen.
Helia?“, sagte er und schaute mich streng an.
„Ich muss mich mit dir unterhalten.“
Ich senkte den Kopf und nickte.
Er bedeutete mir, ihm zu folgen, doch kaum hatte ich einen Schritt getan, wurde mir wieder schwindelig.
Nach einem weiteren Schritt, konnte ich mein Gleichgewicht nicht mehr halten.
Völlig erschöpft brach ich zusammen und wurde von zwei Armen aufgefangen, die mich von der Gruppe wegtrugen.
Ich konnte noch hören, wie Lehti meinen Namen rief und Flora sie beruhigte und Vishous, der mir leise zuflüsterte: „Kleine Blume, was machst du nur für Sachen…“
Danach war alles schwarz…
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